Kanri Kanro über die Inspektion von Großprofilen mit JT-Technik (Juli 2008)




Rollstuhlfahrer im Untergrund
Optische Untersuchung von begehbaren Abwasserkanälen


Das heutige Foto aus der Serie des deutschen Ingenieurs und Fotografen Ulrich Winkler zeigt zwei Mitarbeiter der Stadtentwässerung in der deutschen Stadt Minden, die einen gemauerten Großprofilkanal mit 2,40 Meter Scheitelhöhe untersuchen, um den Inspektionsvorschriften der Gesetzgebung zu entsprechen. Einer der beiden filmt das Bauwerk mit einer digitalen SONY-Handycam und wird dabei von seinem Kollegen auf einer Art Rollstuhl geschoben, damit die Bilder stets aus der gleichen axialen Perspektive entstehen. Der Rollstuhl enthält zwei Autobatterien als Stromversorgung für die Scheinwerfer, die den rund 100 Jahre alte Kanal schattenfrei ausleuchten und eine Voraussetzung für eine exzellente Qualität der Filmaufnahmen sind.

Zwischen 10 und 20 Prozent der 500.000 Kilometer Abwasserkanäle in Deutschland sind „begehbar“, d.h. größer als 800 mm, wobei der Anteil regional und lokal stark schwankt. Kanalbauwerke wie dieses sind aber stets das Rückgrat der Entwässerungsnetze und fast immer sehr alt, was sich aus der Entstehungsgeschichte der großstädtischen deutschen Abwassersysteme erklärt, die meist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf wiederkehrende Choleraepidemien entstanden. Um so wichtiger ist die Inspektion und Sanierung gerade dieser zentralen Bauwerke unter funktionalen und ökologischen Gesichtspunkten. Leider sind gerade diese Kanäle ganz besonders schwierig zu inspizieren, da sie wegen der ständigen Auslastung und fehlender Umleitungs- und Speichermöglichkeiten nie völlig trocken gelegt werden können. Die Rechtslage in Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland, in dem die Stadt Minden (80.000 Einwohner auf 101 Quadratkilometern Fläche) liegt, fordert seit 1995 in der „Selbstüberwachungsverordnung Kanal“ die Untersuchung aller öffentlichen Abwassernetze jeweils alle 10 Jahre. Der erste Inspektionsdurchgang ist inzwischen abgeschlossen, doch in den meisten nordrhein-westfälischen Städten wurden die großen Kanäle ganz zuletzt untersucht. Wo es heute noch Untersuchungsdefizite gibt, sind es meist derartige Bauwerke. Die Reinigung und Inspektion von Abwasserbauwerken unter Teillast war und ist auch Gegenstand einiger öffentlicher Forschungsvorhaben. In der Praxis behilft man sich damit, Untersuchungen bei möglichst geringem Wasserstand durchzuführen, so gut es geht. Auch die Untersuchungen in Minden (insgesamt gibt es dort 23 Kilometer solcher Bauten) finden deshalb nachts bei minimalem Abwasserstand statt.

Inspektionstechnisch ist die optische Untersuchung der großen Kanäle weitaus problematischer als die kleiner Leitungen. Schließlich sollen die Ergebnisse ja auch in einer standardisierten Weise gespeichert werden, damit man sinnvoll mit ihnen weiter arbeiten kann.
Fahrbare Kameras haben den Mangel, dass sie in solchen Kanälen selten auch nur halbwegs axial ausgerichtet sind. Sofern sie es überhaupt schaffen, sich oberhalb der Wasserlinie zu bewegen, entstehen perspektivisch verzerrte Bilder, die den sanierenden Ingenieur immer wieder vor Rätsel stellen. Hinzu kommt, dass die Beleuchtungseinheiten herkömmlicher Kanal-TV-Kameras es nicht schaffen, Bauwerke von solchen Dimensionen ausreichend und gleichmäßig auszuleuchten. Qualitativ schlechtes Bildmaterial ist die Folge. Ganz anders in dieser Untersuchung in Minden.
Durch die verwendeten batteriebetriebenen Autoscheinwerfer war Licht in ausreichender Menge vorhanden, und die Handycam lieferte Bildmaterial in extrem hoher Auflösung.

Die Qualität des Kanals in diesem Bereich war übrigens vergleichsweise gut – was in den Mauerwerksbauten von Anfang des 20.Jahrhunderts erstaunlich oft der Fall ist. Hier wirkt sich ein hoher handwerklicher Standard der oft doppelschaligen Mauerwerke segensreich aus und sorgt für eine hohe Lebensdauer. Die nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland errichteten Abwasserkanäle dagegen sind meist in einem deutlich schlechteren Zustand als ihre „Urahnen“. Das gilt ganz besonders für die Bauten in der ehemaligen DDR. (Im übrigen ist die Lebensdauer von großen Betonkanälen selten mit der von Mauerwerk vergleichbar.) Die eigentliche Schwachstelle der Mauerwerke sind ihre Fugen. Wenn diese ausgewaschen sind und sich der Mörtel aufgelöst und verflüchtigt hat, geht der Verfall oft sehr schnell: Fehlen erst einmal ein oder zwei Ziegel, dann
löst sich die Statik des Gewölbes sehr schnell auf. Gerade hier gilt also die Regel, dass Sanierungsmaßnahmen frühzeitig eingeleitet werden sollten, bevor baulich ein „point of no return“ überschritten wird. Denn natürlich ist auch die Sanierung oder gar ein Neubau derart großer Abwasserkanäle mit ganz extremen Schwierigkeiten und Kosten verbunden. Wirtschaftlich betrachtet, sollten solche Kanäle wie der in Ulrich Winklers Bild also als erste untersucht werden statt zuletzt.

(Der „Rollstuhl“ ist übrigens ein Produkt der JT-elektronik gmbh, Lindau/Bodensee.)

In der nächsten Folge der Fotoserie geht es um die deutschen Probleme mit Fremdwasser im Kanal.


Bildunterschrift:

Geheimnisvolle Atmosphäre in einem schon historischen unterirdischen Bauwerk. Zwei Mitarbeiter der deutschen Stadt Minden inspizieren einen begehbaren Abwasserkanal. Autobatterien in dem Rollstuhl des Kameramannes sorgen für ausreichende Ausleuchtung.

Bildunterschrift kleines Bild:

Exzellente Bildqualität der Untersuchung per Handycam ist die Basis für die Sanierungsplanung.


Druckbare Version